Storytelling 4


Gute Geschichten fesseln unsere Aufmerksamkeit und machen es uns leichter, Informationen aufzunehmen. Nicht umsonst nutzen Werbefachleute die Instrumente des Storytelling und der Word-of-Mouth-Propaganda, um Produkte zu bewerben und effektiver „an den Mann“ zu bringen. Den Hauptbestandteil guter Geschichten bildet eine mehr oder minder sympathische Hauptfigur, die auf Grundlage einer emotional bedeutsamen Ausgangssituation zahlreiche Hindernisse überwinden muss, um schließlich zu einem allgemeingültigen Fazit zu gelangen, der „Moral“ von der Geschichte.

Anhand einer selbst verfassten Geschichte, die die genannten Bestandteile enthalten sollte, üben wir, Storytelling im Social Media Marketing anzuwenden:

Not macht erfinderisch!

Der typische Berliner WG-Haushalt ist häufig bereits mit allem Lebensnotwendigen ausgestattet, das man als frisch Hinzugezogener benötigt. So werden einzelne Zimmer oder ganze Wohnungen oftmals komplett möbliert untervermietet und von den Untermietern zum Teil sogar weitervermietet. Im Laufe der Zeit bildet sich ein Sammelsurium unterschiedlichster Möbel und Haushaltsgegenstände, deren Herkunft sich nicht mehr eindeutig zuordnen lässt, die von ihren ehemaligen Besitzern zurückgelassen und so langsam ins allgemeine Inventar der Wohnung übernommen wurden.

Praktisch daran ist vor allem, dass man Gegenstände, die im eigenen Hausstand nicht vorhanden sind, über zum Teil ganze Mitbewohnergenerationen hinweg gemeinsam nutzen kann. Vor allem, wenn es sich -wie in meinem Fall- um Einrichtungs-Must-Haves wie Schrank oder Bett handelt.

Blöd nur, wenn dann eines Tages der verschollen geglaubte Besitzer des einen oder anderen Möbelstücks unverhofft auftaucht und seine Besitzansprüche geltend macht. So auch neulich geschehen, als mir quasi die Matratze und der Kleiderschrank auf einen Schlag unterm Hintern weggezogen wurden. Nicht nur, dass ich dadurch meine gewohnte Schlafstätte verlor, in meinem geräumigen Altbauzimmer brach das Chaos aus.

Kisten und Klamottenberge, die zuvor, praktisch verstaut, in einem antiken Vollholzschrank Platz fanden, stapelten sich nun wochenlang auf dem verwaisten, nackten Lattenrost, während ich mit einer äußerst ungemütlichen Schlafcouch vorliebnehmen musste.

Auf Dauer ein unerträglicher Zustand! Was tun, wenn man jedoch kein Geld hat, um mal eben einen neuen Kleiderschrank UND eine Matratze aus dem Hut zu zaubern? Not macht bekanntlich erfinderisch und lässt die kreativsten und innovativsten Ideen entstehen.

So z.B. auch die Recycling- und Tauschbewegung, die in den 1970/80ern begann, einen Kontrapunkt gegen den verschwenderischen Konsum ständig neuer Gebrauchsgegenstände zu setzen, indem alten Dingen neues Leben eingehaucht, Materialien wiederverwertet und so weitere Müllberge vermieden werden sollten. Die Idee ist zwar nicht neu, (denn wer erinnert sich nicht daran, dass er beispielsweise die Kleidung älterer Geschwister auftragen musste) doch hat sie heute andere Dimensionen erreicht. Haushaltsgegenstände werden munter auf Onlinebörsen verschenkt, Dienstleistungen in Tauschringen angeboten und teure Luxusgüter geteilt (z.B. Carsharing).

Die Erkenntnis, dass unsere globalen Ressourcen endlich sind und zudem auch noch ungleich verteilt, ist nicht erst seit Neuestem ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen: Ressourceneinsparungen, Energieeffizienz und „Green-Washing“ sind längst zu essentiellen Themen geworden, denen sich Verbraucher und Unternehmen zunehmend stellen müssen.

Als ökologisch verantwortungsbewusster Mensch nutze ich Flohmärkte, Kleinanzeigen und Verschenkbörsen schon seit langem (auch weil mein Herz bereits von Kindesbeinen an für Trödel schlägt). Für Geringverdiener, sozial Benachteiligte oder finanziell Schwächere, die ihren Lebensunterhalt mit einem schmalen Budget bewerkstelligen und Konsumbedürfnisse häufig zurückstellen müssen, sind diese Börsen eine wahre Schatztruhe.

Neben viel Tand und Kitsch lassen sich nahezu neuwertige Gebrauchsgegenstände in einwandfreiem Zustand finden, aber auch Sammlerherzen schlagen bei den zahlreichen Raritäten und Retrofundstücken höher, die sich auf Flohmärkten oder bei Wohnungsauflösungen älterer Herrschaften entdecken lassen. Auf diese Weise bin ich schon in den Besitz von wahren Designklassikern wie z.B. einer Lampe von Kaiser-Idell oder eines Fahrrads der Marke Springer gelangt, für deren modernes Remake manch ein Designer heutzutage Unsummen verlangen würde.

Bei der Suche nach einem möglichst kostenlosen oder zumindest erschwinglichen Kleiderschrank wurde ich auf den Seiten des Onlineverschenkmarktes der Berliner Stadtbetriebe auch gleich fündig. Das gute Stück, ein Zweitürer von Ikea aus massivem Holz, konnte jedoch nur am selben Tag abgeholt werden, da die Wohnung am nächsten Tag an einen neuen Mieter übergeben werden sollte. In Windeseile durchforstete ich mein privates Netzwerk nach hilfsbereiten Freunden mit Auto, die jedoch in weiser Voraussicht allesamt übers Wochenende verreist waren. Einen massiven Kleiderschrank am heißesten Tag des Jahres von A nach B zu kutschieren, gehört nun auch nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Zu guter Letzt ließ sich ein guter Bekannter erweichen, mich beim Transport zu unterstützen. Da mir für einen Mietwagen das Geld fehlte und wir auch anderweitig kein Auto auftreiben konnten, musste es eben auf die harte Tour sein. Glücklicherweise stand der Schrank nur etwa 1,5 km von meiner Wohnung entfernt, ein Transport zu Fuß erschien also machbar.

Doch bereits beim Heruntertragen über zwei Stockwerke wurde mir das Ausmaß meines wahnwitzigen Plans bewusst. Für die knapp 250 Meter bis zur nächsten Bushaltestelle benötigten wir annähernd 15 Minuten und mehrere Pausen. Glücklicherweise grummelte der Busfahrer nur etwas von: „Das ist doch kein Möbelwagen“ in seinen Bart, ließ uns aber dennoch mit dem Holzungetüm einsteigen. Die anderen Fahrgäste schmunzelten bei unserem doch recht abenteuerlichen Anblick.

Vier Stationen später stiegen wir, von den Strapazen einigermaßen erholt, wieder aus. Diesmal lagen 450 Meter Fußweg und zwei Stockwerke nach oben vor uns. In der Hoffnung, einen Einkaufswagen erspähen zu können, der uns die Plackerei ein wenig erleichtern könnte, blinzelte ich in Richtung des Supermarkts, der in unmittelbarer Nähe der Bushaltestelle liegt. Leider hatte der Supermarkt bereits geschlossen und seine Einkaufswägen daher ins Ladeninnere verfrachtet. Mein Blick schweifte suchend über die Ampelkreuzung, als ich zufällig einen verlassenen Einkaufswagen auf der anderen Straßenseite entdeckte, daneben ein Haufen schmutziger Lumpen.

Etwas verunsichert, ob wir nicht gerade einem Obdachlosen sein letztes Hab und Gut stehlen würden, schnappten wir uns den Einkaufswagen, von einem möglichen Besitzer keine Spur. Die letzte Etappe war dann mithilfe des Einkaufwagens beinahe ein Kinderspiel, falls man diesen Ausdruck überhaupt im Zusammenhang mit unserer Transportaktion verwenden möchte. Endlich in der zweiten Etage meines Domizils angekommen und von einem kühlen Bier erfrischt, erschien es uns zumindest so.

Trotz harter körperlicher Anstrengungen und dem Verlust von mindestens einem Liter Schweiß pro Person hat sich der Aufwand gelohnt. Das Schmuckstück aus der Ikea-Kollektion Leksvik passt nicht nur genau in die von meinem ehemaligen Schrank hinterlassene Lücke und bietet den dringend benötigten Stauraum, sondern ist auch noch schön anzusehen. Ein voll funktionstüchtiger Gegenstand hat seinen Besitzer gewechselt und konnte vor dem Sperrmüll gerettet werden. Die Kosten für die Entsorgung des alten und die Anschaffung eines neuen Schranks konnten eingespart werden, wertvolle Ressourcen wurden sinnvoll eingesetzt anstatt sie zu verschwenden. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten! Naja, vielleicht mit Ausnahme meines gutmütigen Bekannten…

Mindmap zur Story:

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4 Gedanken zu “Storytelling